calcio e caffé I – 24h a Genova
Zwischen verwinkelten Gassen, ligurischer Küche und Fußballtradition.
Einleitung
Jänner/Februar 2026.
Dieser Beitrag ist Teil meiner Reise Calcio e Caffé I, in der ich ein Wochenende in Norditalien, zwischen Genua, Parma und Bologna verbracht habe. Nun wartete die ligurische Hafenstadt auf mich, mit der angenehmen Aufgabe, die Zeit bis zum Anpfiff des Spiels seiner Tochter Sampdoria, um 19:30 Uhr, im ligurischen Derby gegen La Spezia, sinnvoll zu füllen. Das bedeutet für mich, einige Sehenswürdigkeiten abzuklappern, von einer zur anderen zu spazieren, um auch den Vibe fernab der Touri-Gegenden zu erhaschen, sich ab und an eine spontane, kurze Pause an einer zufällig am Weg liegenden Espressobar zu genehmigen und natürlich, für mich der fundamentalste Part, um eine Stadt wirklich zu erleben, seine Küche kennenzulernen.
Meiner Ankunft in Genua zur Mittagszeit war bereits ein langer Reisetag vorangegangen. Flug von Wien nach Mailand/Bergamo, mit anschließender Zugfahrt vom Milano Centrale nach Genova Piazza Principe. Ich hatte mich bewusst dazu entschieden, den doch sehr westlich gelegenen Bahnhof anzusteuern, um mir selbst die Möglichkeit zu bieten, einmal quer durch die Stadt bis hin zu meinem Endziel, dem Stadio Luigi Ferraris bzw. meiner nahegelegenen Unterkunft zu marschieren und mir eine Route zu bauen, die alles für mich Interessante abdecken und mir einen authentischen Gesamteindruck der Stadt vermitteln sollte. Bis zu dieser Reise war mir Genua vor allem als industrielle Hafenstadt bekannt. Wirklich positiv hatte ich die Stadt in Erzählungen nur selten wahrgenommen. Ob dieses Bild gerechtfertigt war oder Genua doch ein ganz anderes Gesicht zeigen würde, galt es nun selbst herauszufinden.
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Route durch Genua
Tag 1
Meine Erkundungstour durch Genua sollte nun also am westlich gelegenen Bahnhof Genova Piazza Principe starten und in der Nähe des Stadio Luigi Ferraris, im Nordosten der Stadt enden. Ziel war es, eine geographisch sinnvolle Route zu bauen, um leere Meter, durch ständiges Hin und Hergehen zu vermeiden. Ganz vermeiden konnte ich dies allerdings nicht, dazu aber später mehr.
Erster Programmpunkt war das Schloss D´Albertis, welches neben einigen Höhenmeter nur rund elf Gehminuten vom Bahnhof entfernt liegt und einen wundervollen Panoramablick über die Stadt, bis hin zum Meer bot. Auch das Schloss an sich, sowie der angelegte Garten drumherum waren äußerst sehenswert. Ich legte allerdings den Fokus darauf, auf einer Bank Platz zu nehmen, die Sonne und die gebotene Aussicht zu genießen.



Vom Castello d’Albertis führte mich der Weg über den Corso Carbonara, der mit seinen historischen Gebäuden und schönen Ausblicken als einer der reizvollsten Spazierwege Genuas gilt, hinunter zum Hafen. Mein Weg führte mich am Belvedere Castelletto vorbei, welcher für mich die beeindruckendste Aussicht meines Spaziergangs bot und mit zahlreichen Graffitis und Schriftzügen entlang der Gehwege bereits meine Vorfreude auf das heutige Spiel weiter entfachen ließ.





Vom klingenden Namen des Corsos war bereits mein Appetit geweckt worden und meine Schrittgeschwindigkeit entsprechend angepasst. Bevor ich mich den Friggitorias am Hafen für eine kleine Vorspeise zuwenden wollte, widmete ich mich mit knurrendem Magen noch der quasi darüberliegenden Via Garibaldi. Eine Straße, die zum UNESCO-Welterbe zählt und an der sich eindrucksvolle Palazzi aus der Renaissance- und Barockzeit aneinanderreihen. Vom Hunger getrieben, war es für mich allerdings nicht mehr als ein kurzer Abstecher.
Der nächste Programmpunkt sollte bereits auf mich warten, nämlich einer der Streetfood-Klassiker in Genua, dem Cuoppo di pesce, den frittierten Meeresfrüchten, serviert in einer Papiertüte, die man von Sportplatzpommes kennt. In Frage kamen für mich zwei Institutionen, die Friggitoria San Giorgio und die Antica Friggitoria Cargea. Endlich davorstehend musste ich allerdings feststellen, dass mir die Kombination aus Geruch, Optik und Preis (10 € für Größe medio) doch nicht wie erwartet zusagte. So ließ ich mich doch von meinem spontan entwickeltem Bauchgefühl leiten, folgte meinem Gusto und startete die Suche nach einer traditionellen Trattoria, um nun doch ausgewählte genuesische Pasta-Spezialitäten zu probieren, anstatt mit mindestens ebenso typischen frittierten Meeresfrüchten zunächst meinen Magen zu beruhigen. Ein folgenschwerer Fehler!
Nicht im Besitz einer entsprechenden Reservierung, holte ich mir Abfuhr um Abfuhr in (gefühlt) sämtlichen Trattorien der Innenstadt ab. Manche bereits maßlos überfüllt mit besser vorbereiteten Gästen, andere (noch?) komplett leerstehend, scheinbar aber dennoch vollständig ausgebucht. Jedenfalls hatten alle eines gemein, sie hatten keinen Platz für mich. In Anbetracht dessen, dass es fester Bestandteil meines heutigen Planes war, zumindest ein traditionelles Restaurant und somit die ligurische Küche auf Herz und Niere oder eher Pasta und Pesto zu testen, empfand ich diesen Umstand als doch schweren Rückschlag.
Meine Stimmung heben konnte letztlich das Restaurant „Pastificio Artigianale do Canneto“, welches entgegen der Trattoria-Tradition typische Pastagerichte auf die Hand servierte, ohne langer Wartezeit und vor allem ohne Reservierung. Nach kurzem Überlegen, fiel meine Wahl auf Trofie mit Pesto alla Genovese, serviert in einer Piadina, (10 € für eine große Portion). Diese preiswerte und auch wohlschmeckende, mit merklich frischem, hausgemachtem Pesto versehenen Pasta konnte nun doch noch meinen Hunger stillen und mir auch einen, wenn auch nur kleinen Einblick in die Kulinarik dieser Stadt gewähren.


Sollte man also wie ich versäumen, rechtzeitig in einer der zahlreichen Trattorien in der Altstadt zu reservieren oder sollte man einfach Lust haben, auf ein unkompliziertes Konzept mit einer modernen Interpretation der traditionellen Küche, kann ich dieses Restaurant nur wärmstens weiterempfehlen.
Bei meinem Verdauungsspaziergang durch die Gassen und Plätze Genuas zog es mich noch in eine der zahllosen Focaccerias, um mein Mittagessen (zeitlich bereits am Nachmittag) mit einer Focaccia Genovese in seiner Geburtsstadt würdig abzuschließen. Noch einen Espresso. Dann ab zu meinem letzten Stopp, bevor es Zeit wurde mein Appartment aufzusuchen und einzuchecken. Dieser letzte Stopp war die SampCity, der innerstädtische Fanshop von Sampdoria, Diesem wollte ich unbedingt noch einen Besuch abstatten, um zu schauen, was Macron in Sachen Merch denn so gezaubert hat. Nach Kenntnisnahme der gebotenen Auswahl zu utopischen Preisen, war diese Mission aber auch schneller beendet als gedacht. So verblieb mir der Gang zur Casa Amadeo, meiner Unterkunft für die Nacht in Genua, nur mit leeren Händen.
Die Wahl meiner Unterkunft auf solchen Reisen fällt jedes Mal nach denselben, für mich entscheidenden Kriterien. Möglichst günstig und möglichst nahe am Stadion. So fiel auch diesmal die Wahl auf eine Unterkunft mit Privatzimmer und geteiltem Badezimmer, was für mich der beste Kompromiss zwischen Schlafsaal und Hotelzimmer ist und für jeden budgetbewussten Alleinreisenden absolut zu empfehlen ist. Mit einer fußläufigen Entfernung von 15 Minuten zum Stadion, einem sauberen, minimalistischen Eindruck auf Booking.com und einem ansprechenden Preis in Höhe von 40 €, konnte mich somit Casa Amadeo überzeugen und hielt insgesamt sein Versprechen. Funktioniert also perfekt in Verbindung mit einem Matchday im Luigi Ferraris [über Booking.com zu buchen].
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Nach dem unkomplizierten Self-Check-In und einem kurzen Nachmittagsschlaf, machte ich mich um ca. 17:45 Uhr schon wieder auf den Weg, um rechtzeitig, also ungefähr anderthalb Stunden vor Anpfiff beim Stadion zu sein, um einen meiner wohl schönsten und aufregendsten Abende in einem Fußballstadion zu erleben. Wie ich den Abend im Luigi Ferraris erlebt habe, erzähle ich ausführlich im Matchday-Bericht.
Hoch euphorisiert vom Last-Minute Sieg der Blucerchiati hatte ich am Nachhauseweg mehr Glück als zu Mittag und konnte im direkt am Weg liegenden Restaurant „Napizza & Cucina“ noch einen Platz ergattern. Hier ließ sich dieser wunderschöne Tag perfekt bei neapolitanischer Pizza in Rotweinbegleitung ausklingen.

Tag 2
Der nächste Tag in Genua begann für mich unfreiwillig, geweckt durch eine lebhafte Geräuschkulisse, die mich nach dem Öffnen der Fensterläden einen über Nacht entstandenen Wochenmarkt, direkt auf der Hauptstraße vor meiner Unterkunft, entdecken ließ.


Für mich ein Jackpot, um das all- bzw. sonntägliche Treiben Genuas hautnah zu erleben, fern von konstruierten Touristenattraktionen. So ließ ich mich auf diese Erfahrung ein und von der Menschenmenge treiben. Dieser Markt bot alles, Kleidung, Elektrogeräte, aber auch – umso spannender – Stände mit lokalen Lebensmitteln, wie Käse, Olivenöl usw. So gab es auch vereinzelt Stände zu entdecken, die frische Focaccia mit Porchetta anboten und den Duft über den gesamten Markt legten. Hatte ich die ersten beiden Gelegenheiten noch ausgelassen und mich gegen dieses doch sehr deftige Frühstück entschieden, wurde ich beim dritten und letzten Stand, der diesen genuesischen Klassiker verkaufte, (zum Glück) schwach. Der fettige Spanferkelbraten in der knusprig-luftigen, olivenöligen Focaccia war wohl die Antithese zu meiner eigentlichen Frühstücksroutine, fühlte sich nach den ungewohnten ersten Bissen aber genau richtig an und ist mir seitdem als eines der besten Frühstücksgerichte der letzten Zeit in Erinnerung geblieben.

Der Wochenmarkt schlängelte sich genau jener Hauptstraße entlang, welche mich am Vorabend zum Luigi Ferraris geführt hatte. So nutzte ich diese perfekte Fügung, folgte wohlgenährt dem Verlauf des Marktes und stattete dem Luigi Ferraris einen weiteren Besuch ab.
Ich hatte beim gestrigen Spiel keine Gelegenheit, dieses markante Stadion von außen und bei Tageslicht zu bestaunen, sowie seine Umgebung zu erkunden, was ich noch unbedingt nachholen wollte.


Auch der zweite Besuch der Heimstätte beider genuesischer Großklubs sollte sich lohnen. Je mehr man sich dem Stadion näherte, desto mehr fielen einem Graffitis und Wandmalereien der Samp und auch des CFC ins Auge und man wusste auch ohne Google Maps, dass man bald da war.
Besonders die Malereien auf und neben dem Stadion versetzten mich in Staunen und lösten in mir genau diesen emotionalen, nostalgischen Moment aus, den ich mir von so einem Ort erhofft hatte. Auch wenn die erfolgreichen Tage der Sampdoria längst vorbei waren, spürte man an diesem Platz noch etwas von der Aura des ehemaligen Siegers des Europapokals der Pokalsieger (1989/90) und ehemaligen italienischen Meisters (1990/91). Für mich sind es oft genau die Stadtviertel der Stadien, die die spannendsten Geschichten erzählen und mich ähnlich wie in einem Museum von Exponat zu Exponat führen.



Ein Blick auf meine Uhr ließ mich erkennen, dass die Zeit gar nicht stehengeblieben war. So warf ich noch einen letzten Blick auf dieses wunderschöne Bauwerk, in dem ich gestern einen unvergesslichen Abend verbringen durfte und folgte dem direkt neben dem Stadion verlaufenden Fluss Bisagno, der mich zum Bahnhof Genova Brignole führen sollte.
Um 11:17 Uhr ging mein Zug nach Piacenza – Zwischenhalt auf dem Weg nach Parma, wo am Abend mein zweites Spiel mit Parma gegen Juventus bevorstand – der meine Zeit in Genua enden ließ.
Fazit
Meine 24 Stunden in Genua hätten für mich überraschender nicht sein können. Beeinflusst von Erzählungen erwartete ich eine graue, von Industrie geprägte Hafenstadt, was mit Sicherheit auch Teil der Wahrheit ist. Dass Genua aber auch ein vollkommen anderes Gesicht zeigt, hätte ich mir vor Beginn dieser Reise wohl nicht gedacht. Durch meinen ausführlichen Spaziergang quer durch die Stadt, wodurch man meiner Meinung nach den besten Gesamteindruck einer Stadt gewinnen kann, der mich über verwinkelte Straßen in der Altstadt bis hin zu wunderschönen Parks und Plätzen mit atemberaubender Aussicht, führte, lieferte Genua alles, was man von einer italienischen Stadt erwarten kann – und wahrscheinlich noch mehr.
Für meine Route sollte man jedoch ein gewisses Maß an Kondition mitbringen. Genua erstreckt sich über mehrere Hügel, weshalb einige Anstiege durchaus steil sind. Für Personen mit eingeschränkter Mobilität ist die Tour daher nur eingeschränkt geeignet. Wer dennoch den schönsten Aussichtspunkt der Stadt besuchen möchte, erreicht das Belvedere Castelletto bequem mit dem Lift vom Piazza Portello.
Mein kulinarischer Aufenthalt war durchwachsen. Der obligatorische Trattoria-Besuch blieb mir verwährt und damit einige Speisen, auf die ich vor meiner Reise geschielt hatte, unprobiert. Vor allem die Pansoti in salsa di noci (gefüllte Teigtaschen in Walnusssoße) und ligurische Kaninchen mit Oliven (Coniglio alla Ligure) hätten mir es wohl noch angetan. Aufgrund schlechter Vorbereitung und keiner Reservierung, verblieb mir also nur die Verkostung der wohl plakativsten genuesischen Gerichte, der Trofie al Pesto und der Focaccia Genovese. Beides dennoch herausragend und Lust machend auf einen weiteren Genua-Besuch. Dann aber mit Restaurant-Reservierung.
Am letzten Tag sollte ich dann noch meine authentische kulinarische Erfahrung machen, mit der Focaccia mit Porchetta vom Sonntagsmarkt, was für mich auch einen versöhnlichen Abschied bedeutete.
Neben dem Spieltagsbesuch am Vorabend, war mein persönliches Highlight jedenfalls das etwas raue Stadtviertel Marassi mit seinem Stadio Luigi Ferraris. Das gesamte Viertel war in Blau, Weiß, Rot und Schwarz (Vereinsfarben der Sampdoria) aber auch in Rot-Blau, die Farben der Stadtrivalen CFC Genoa, gehüllt und kreiierte damit eine wirkliche einzigartige Atmosphäre, die wohl jeden Fußballromantiker in seinen Bann ziehen würde. Genauso das Stadio Luigi Ferraris an sich, welches mit seiner englisch inspirierten Bauweise, nicht nur eine spannende Historie aufweist, sondern mit seinem englisch-italienischen Hybrid sowohl von Innen als auch von Außen eine Ehrfurcht in mir auslöste, die ich so noch kaum bei einem anderen Stadion verspürte.
Alles in allem bleibt also eine wunderschöne, facettenreiche Stadt mit so viel Fußballtradition, also genau das, was ich auf diesen Reisen suche. Ich kann also nur jedem, der in Sachen Fußballromantik ähnlich gestrickt ist wie ich, empfehlen, seine nächste Groundhopping-Tour nach Genua zu planen und dabei auch ein bis zwei Tage in der Stadt zu verbringen.
Für mich ging es nun mit dem Zug weiter nach Parma, mit der Gewissheit, dass mich dieser Ort nicht zum letzten Mal gesehen hat!
Mehr von dieser Reise
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