calcio e caffé IV – 6h a Como
Como, Brunate und Calcio am Lago di Como.
Einleitung
Mai 2026.
Nachdem sich Mailand am gestrigen Samstag von seiner besten Seite gezeigt hatte, hieß es dennoch bereits früh am nächsten Morgen Abschied nehmen. Nach einem kleinen, klassisch italienischen Frühstück mit Kaffee und Cornetto im Hostel ging es für mich auch schon zum nahegelegenen Milano Centrale, wo mein Zug nach Como S. Giovanni planmäßig um 8:10 Uhr abfahren sollte.
Nur rund 40 Minuten Zugfahrt von Mailand entfernt erreicht man mit Como wohl eines der beliebtesten Reiseziele Norditaliens äußerst schnell und bequem. Auch der Preis des Zugtickets ist mit 5 € gewohnt fair. Entsprechend gut gefüllt war bereits dieser Zug, in dem ich gerade noch einen Sitzplatz ergattern konnte. Man konnte nur erahnen, wie überfüllt die Züge im weiteren Verlauf des Tages noch werden würden.
Como
Nach einer entspannten Zugfahrt, die wie im Flug verging, fand ich mich nun am Bahnhof Como S. Giovanni im Westen der Stadt wieder. Schon die ersten Einblicke aus dem Zugfenster sowie die Aussicht nach den ersten Schritten aus dem Bahnhof verrieten, wie malerisch Como und der Lago di Como sein sollten.
Schon länger stand diese Gebirgs- und Seenregion mit ihrem luxuriösen Einschlag auf meiner Liste. Spätestens mit dem Aufstieg des Como 1907 in die Serie A wanderte sie schließlich ganz nach oben auf meine Bucketlist.
Hier war ich nun und spazierte gemeinsam mit den anderen Reisenden vom Bahnhof Richtung Innenstadt. Die Stadt schlief noch und so konnte man gemütlich durch die schönen Gassen Comos schlendern. In nur wenigen Minuten erreichte ich das Seeufer. Auch hier waren noch kaum Menschen unterwegs, wodurch man die Ruhe, die das Wasser ausstrahlt, umso besser genießen konnte.



Ich spazierte entlang des Ufers und konnte meinen Augen kaum trauen, als ich die Schiffsanlegestelle passierte. Hier schienen sich sämtliche Touristen Comos versteckt zu haben und standen bereits um 9:00 Uhr in einer mehr als hundert Meter langen Warteschlange. Grund dafür war, wie ich nun lernte, die berühmte Schifffahrt auf dem Comer See, die wohl die Touristenattraktion Nummer eins der Stadt sein dürfte.
Schlecht recherchiert hatte ich diese gar nicht auf dem Schirm, wollte ich mich ohnehin eher von der Stadt selbst und weniger von den Wellen des Sees treiben lassen.
So zog es mich weiter entlang des Ufers. Wirklich traumhaft. Egal, wohin man blickte, überall bot sich ein unglaubliches Panorama. Der See liegt eingebettet in einem Tal, umgeben von Bergen mit tiefgrünen Wäldern. Dazwischen reiht sich eine millionenschwere Villa an die nächste – jeweils mit bestem Blick auf den See und die Stadt. Insgesamt ein wirklich einzigartiges Bild und ich konnte den Hype rund um den Comer See allmählich immer besser nachvollziehen.

Da ich ohnehin nur drei Stunden bis zum Anpfiff des Spiels Como gegen Parma um 12:00 Uhr Zeit hatte, hatte ich im Vorfeld bewusst nicht recherchiert, was man in Como unbedingt machen sollte. Ich verließ mich vielmehr darauf, dass mich die Atmosphäre der Stadt und des Sees ausreichend fesseln würde.
Eigentlich wollte ich mir nun mit einem kalten Getränk einen Platz am Wasser suchen und einfach den Wellen lauschen. Während ich auf Google Maps nach einem Supermarkt suchte, entdeckte ich allerdings die Funicolare Como–Brunate, eine Standseilbahn, die einen innerhalb weniger Minuten in den oberhalb des Sees gelegenen Ort Brunate bringt. Eine kurze Recherche genügte und nachdem ich Bilder der dort gebotenen Aussicht gesehen hatte, änderte ich meinen Plan kurzerhand.
Brunate
Die Talstation war mittlerweile nur noch fünf Gehminuten entfernt – gut für mich, da ich ohnehin noch überlegte, ob sich eine Fahrt nach Brunate überhaupt auszahlen würde. Es war mittlerweile bereits 9:30 Uhr. Spätestens um 11:30 Uhr, also 30 Minuten vor Anpfiff, wollte ich im Stadion sein. Zwei Stunden für beide Fahrten (jeweils fünf bis zehn Minuten pro Richtung) und Brunate selbst erschienen mir allerdings als ausreichend, zumal ich Como ohnehin schon „fertig“ besichtigt hatte.
Ich war überrascht, als ich die fast verlassene Talstation betrat. Hatte ich doch mit deutlich mehr Touristen gerechnet. Ich kaufte mein Ticket für 3,60 € pro Richtung und wartete keine zehn Minuten auf die nächste Fahrt. Schließlich befanden sich rund zehn weitere Personen mit mir in der Bahn, zu meiner Überraschung allerdings kaum internationale Touristen. Nicht recherchiert und quasi in mein Glück gestolpert, ging ich zu diesem Zeitpunkt tatsächlich davon aus, ein Hidden Gem entdeckt zu haben, welches fast ausschließlich von Einheimischen genutzt wurde.

Allein für die Aussicht aus der Bahn hätte sich der Preis und die investierte Zeit bereits gelohnt. Aus dem Fenster blickte man wunderbar auf den Comer See und seine Umgebung. Am Ende des Panoramas erblickte ich sogar mein späteres Ziel – das Stadio Giuseppe Sinigaglia.

An der Bergstation angekommen, war ich direkt von der Aussicht überwältigt. Mitten in der Natur, umgeben von satten, grünen Wäldern, blickte man über ganz Como und den See bis hinüber in die Schweiz und auf die Alpen im Hintergrund. Unfassbar.
Die ersten Minuten trieb ich mich rund um die Bergstation herum und machte ein paar Fotos. Fasziniert und fast schon in Trance aufgrund dieses unglaublichen Panoramas holte mich schließlich ein Werbeplakat des Como 1907 wieder zurück in die Realität und erinnerte mich daran, weshalb ich eigentlich nach Como gereist war. Die Vorfreude auf das Stadion und das Spiel war nun wieder deutlich zu spüren.


Vorher wollte ich aber noch Brunate selbst erkunden. Der Ort ist eher klein und sein größter Trumpf ist mit Sicherheit seine Lage. Anhand der zahlreichen Wegweiser erkannte ich schnell, dass man hier ausgiebig wandern konnte. Leider war an diesem Tag die Zeit mein größter Feind. Man hätte hier mit Sicherheit deutlich länger bleiben können – oder sogar sollen. Ich entschied mich schließlich für eine kleine Wanderung zu einer Kirche, die eine besonders schöne Aussicht bieten sollte.


Knapp 30 Minuten benötigt man für den Aufstieg. Aufgrund meines Zeitdrucks legte ich allerdings ein etwas höheres Tempo vor und konnte rund zehn Minuten gutmachen. Durch den Wald und vorbei an schönen Gassen gelangt man über einen kleinen Dorfplatz mit Kiosk und Café bis hinauf zur Kirche, die auf einer kleinen Anhöhe liegt.


Von dort bot sich wiederum ein wunderschöner Ausblick auf Cernobbio auf der gegenüberliegenden Seeseite sowie auf die schweizerische Stadt Chiasso. Zwischen den Bäumen hindurch konnte man zudem den weiteren Verlauf des Comer Sees erkennen, wie er sich durch die Berge schlängelt.



Da ich online leider keinen Fahrplan finden konnte und es bei der Ankunft verabsäumt hatte nachzusehen, wann die nächste Bahn zurückfahren würde, machte ich mich relativ rasch wieder auf den Rückweg, um auf gut Glück eine passende Bahn zu erwischen.

An der Bergstation angekommen, konnte ich weiterhin keinen Fahrplan ausfindig machen. Dafür hatte sich allerdings bereits eine kleine Schlange vor der Ticketkontrolle gebildet, was ich als gutes Zeichen deutete. Schließlich würden diese Leute wohl nicht ohne Grund dort warten und aufgrund der kurzen Fahrzeit müsste die nächste Bahn bald eintreffen. Vom Glück verfolgt sollte sich diese These tatsächlich bewahrheiten. Dadurch schaffte ich es nicht nur rechtzeitig zum Stadion, sondern hatte sogar noch genügend Zeit, mir unterwegs etwas zu essen zu holen.
Auf der Fahrt hinunter war die Bahn bereits deutlich voller als noch am Morgen. Den Vogel abschießen sollte allerdings meine Ankunft an der Talstation. Dort hatte sich – ganz im Stile der Schifffahrt – eine riesige Warteschlange gebildet und der kleine Wartebereich platzte beinahe aus allen Nähten. Spätestens hier wurde mir bewusst, dass ich keineswegs ein Hidden Gem entdeckt hatte.
Anders als bei der Schifffahrt kann man den Menschenmassen hier allerdings scheinbar ausweichen, wenn man früh am Morgen startet. So erspart man sich nicht nur eine Wartezeit von mit Sicherheit über einer Stunde, sondern hat Brunate und seine Natur fast für sich allein.
Matchday
Sogar bereits um kurz vor 11:00 Uhr wieder zurück, wollte ich vor dem Spiel noch meinen Hunger stillen. Für mein Mittagessen entschied ich mich in Como, ganz antizyklisch, gegen Austern und Champagner und stattdessen für zwei Stück Pizza aus dem Conad und baute mir mit Bresaola und Ricotta eine Art Pizza-Sandwich. Aus der Not geboren, hat mich diese Kreation positiv überrascht. Ich war ohnehin schon länger Fan der Conad-Pizza, als Sandwich umso mehr. Mit einem Lemon Soda Zero suchte ich mir eine Bank am Ufer und genoss mein Mittagessen.
Mittlerweile war das Como am Seeufer jenes, welches ich erwartet hatte und auf welches ich mich weniger gefreut hatte. Überfüllt, hektisch, touristisch – die Idylle vom Morgen war inzwischen vollkommen verblasst. So versuchte ich beim Essen die vielen Leute auszublenden und mich auf den schönen Ort, die Sonne und das Essen zu fokussieren.
Dies hatte durchaus gut geklappt, für ein Sitzenbleiben und Innehalten nach dem letzten Bissen reichte es allerdings nicht. Ein Blick auf die Uhr sollte diese Entscheidung bekräftigen. Ohne Google Maps ging es Richtung Stadion, schließlich war die Seepromenade Navigation genug, liegt das Stadio Giuseppe Sinigaglia doch direkt am Seeufer. So kam ich schon fast perfekt um 11:30 Uhr vor dem Eingang an. Ohne Wartezeit war ich nun innerhalb weniger Minuten im Stadion und auf meinem Platz.

Der erste Eindruck war bereits so idyllisch, wie ich es mir vorgestellt hatte. Im Hintergrund erkannte man deutlich die grünen Hügel mit ihren Villen, rechts blitzte zwischen den offenen Tribünen der See hervor. Mit Sicherheit die schönste Stadionkulisse, die ich jemals live erleben durfte. Das sonnige Wetter trug seinen Teil dazu bei und schaffte einen unfassbaren Vibe.

Wie im Überblicksbericht Calcio e Caffè IV beschrieben, hatte ich es nach Veröffentlichung der Spieltermine zunächst auf Juventus gegen Fiorentina abgesehen, wo ich allerdings kein Ticket mehr bekommen konnte. Entsprechend spät kam ich erst in den Ticketshop Comos, wo ich glücklicherweise noch eines der letzten Tickets ergattern konnte. Auch dieses Spiel war, wie erwartet, ziemlich schnell ausverkauft.
Eines der letzten Tickets war auch nicht ohne Grund eines der letzten Tickets. Der Sitz war in der ersten Reihe hinter dem Tor und neben dem Auswärtssektor. Wie ich befürchtet hatte, hatte man direkt vor dem Gesicht einen Stahlzaun, der einem die Sicht fast perfekt verdeckte. Nach vorne zum Zaun stellen konnte man sich ebenfalls nicht, würde man sonst den Reihen darüber die Sicht verdecken. So entschied ich mich einfach, ganz hinauf auf die Tribüne zu gehen, wo hinter der letzten Sitzreihe noch einiges an Platz war und man sich gut hinstellen konnte. Dies funktionierte optimal und so verbrachte ich das Spiel auf meinem Stehplatz mit bester Sicht.
Wie zu erwarten war, hatten sich viele weitere Touristen ins Stadion verirrt, allerdings deutlich weniger als gedacht. Überraschend viele lokale und scheinbar eingefleischte Como-Fans hatten sich vor allem in meinem Block eingefunden. Ein rein touristischer Vibe, wie ich ihn bereits auf den Azoren beim Conference-League-Spiel zwischen Santa Clara und Larne FC erleben durfte und hier auch so in etwa befürchtet hatte, blieb also zu meiner Freude aus.

Nach 15 Minuten Boykott zu Spielbeginn auf beiden Seiten der Ultras, wo sich beide Fanlager noch im Innenraum des Stadions aufhielten, füllte sich auch der Como-Block fast bis auf den letzten Platz. Auch ein paar Tifosi aus Parma waren gekommen. Grund für den Protest waren wieder einmal die überhöhten Ticketpreise für die Stehplätze in Höhe von 40 €. Ich kam dieses Mal mit 45 € für meinen Sitzplatz, der sich letztlich ebenfalls in einen Stehplatz verwandelte, relativ kostengünstig davon.
Die 15 Minuten Protest sind sinnbildlich für die 15 € Differenz zu jenem Ticketpreis von 25 € zu verstehen, den die Ultras als fair ansehen. Ich hatte in der Anfangsphase befürchtet, dass der beidseitige Support zur Gänze ausbleiben würde. Umso froher war ich, als in der 15. Minute der gesamte Como-Anhang in den Heimblock strömte und auch die paar Parma-Fans im Sektor neben mir eintrafen und die restlichen 75 Minuten supporteten. Die Como-Tifosi sogar überraschend lautstark. Entsprechende Transparente klärten mich im Laufe des Spiels über den Protest und dessen Hintergrund auf und immer wieder konnte man gemeinsame Sprechchöre der Como- und Parma-Fans hören, die auch über dieses Medium Kritik an der Lega äußerten.


Das Spiel selbst zwischen Como und Parma versprach auf dem Papier zunächst nicht besonders viel. Parma war in dieser Saison ohnehin nicht gerade für den schönsten Fußball bekannt, somit lag es nun an Cesc Fàbregas und seinen Schützlingen, mir auch fußballerisch etwas zu bieten. Alles rund um das Spiel hatte mich bis dahin schließlich bereits überzeugt.
Leider musste der spanische Coach auf seinen Star Nico Paz verzichten, was auch bei mir eine gewisse Enttäuschung auslöste, war er doch mit Sicherheit der spannendste Spieler beider Kader. Für mich als Serie-A-Fan gab es aber dennoch einige spannende Spieler, denen man auf die Füße schauen konnte. Bei Como waren das vor allem Baturina, Diao und Capitano Da Cunha. Nick Kühn, Ex-Rapidler, wurde leider nicht eingewechselt. Auch Parma stellte einige interessante Spieler mit Suzuki im Tor, Circati in der Abwehr und Pellegrino im Sturm. Im Mittelfeld spielte zudem Ex-Juventino Nicolussi Caviglia.
Ich kam somit trotz eines sehr einseitigen Spiels, in dem Parma weitgehend farblos blieb und Como eigentlich mehr Tore hätte schießen müssen, voll auf meine Kosten. Como konnte schließlich einen 1:0-Sieg einfahren, was mir allerdings etwas missfiel, hatte ich doch Parma die Daumen gedrückt, da Como mitten im Kampf um die Champions-League-Plätze mit Juventus steckte.
Ein Blick auf den Liveticker nach Spielende ließ mich schließlich ungläubig werden, als ich sah, dass Juventus zu Hause mit 0:2 verlor. Neben Como konnten auch die übrigen direkten Konkurrenten Roma und Milan gewinnen und die Bianconeri rutschten somit einen Spieltag vor Saisonende aus den Top 4, welche die Qualifikation zur Königsklasse bedeuteten.
Ich versuchte mir meine bis dahin durchwegs gute Stimmung dadurch nicht vermiesen zu lassen und machte mich auf Richtung Bahnhof. Das Spiel in Como war schließlich nicht das einzige Serie-A-Spiel des heutigen Tages für mich. Um 18:00 Uhr sollte noch Atalanta gegen Bologna in der neuen New Balance Arena stattfinden, weshalb ich meinen Zug um 14:36 Uhr erwischen musste, um rechtzeitig zum Stadion zu kommen.
Ob mir dies auch gelingen sollte, erfahrt ihr im Beitrag zu Bergamo.
Fazit
Jedenfalls kann die erste Hälfte meines ereignisreichen Tages als voller Erfolg bezeichnet werden. Ich konnte mit Como endlich eine Stadt besuchen, die fußballunabhängig schon lange auf meiner Liste stand. In Kombination mit einem Serie-A-Spiel in einem der besondersten Stadien, die ich bislang besucht habe, hätte es kaum besser sein können.
Der Ort Como ist klein, überschaubar, aber an Idylle kaum zu überbieten. Als Tipp würde ich mitgeben: Sollte man ebenfalls nur einen Tag in Como verbringen und hier nicht nächtigen, dann sollte man unbedingt so früh wie möglich anreisen, um diese Idylle auch wirklich erleben zu können. Je weiter der Tag fortschreitet, desto mehr geht davon durch die Menschenmassen rund um das Seeufer verloren und damit auch ein großer Teil des Charmes der Stadt.
Ob man durch ein frühmorgendliches Erscheinen auch die lange Wartezeit bei der Schifffahrt umgehen kann, kann ich mangels eigener Erfahrung leider nicht beurteilen. Wo sich ein früher Start aber definitiv auszahlt, ist die Bergbahn nach Brunate. Dieser spontane Abstecher ist mir schon fast unverhofft in den Schoß gefallen und hat meinen Vormittag in Como perfekt ergänzt. Nicht nur die beeindruckende Aussicht macht die Fahrt lohnenswert, sondern auch die Ruhe mitten in der Natur und die zahlreichen Wandermöglichkeiten.
Das Stadionerlebnis war zugleich erwartbar und überraschend. Die traumhafte Lage des Stadions direkt am See hatte ich natürlich genau so erwartet, sie dann tatsächlich selbst erleben zu dürfen, war dennoch etwas Besonderes. Dass sich neben vielen Touristen auch überraschend viele lokale Como-Fans im Stadion befanden und die Heimkurve zeitweise richtig lautstark supportete, hat mich dagegen positiv überrascht. Rein stimmungstechnisch war das deutlich besser als erwartet. Das Spiel selbst war dagegen die erwartete zähe Kost, was ich aber bewusst in Kauf genommen hatte. Mir ging es an diesem Tag ohnehin mehr um den Spielort als um das Spiel selbst.
Como 1907 bedeutet für mich einen gewissen moralischen Zwiespalt. Einerseits repräsentiert der Verein den italienischen Lebensstil rund um den Comer See nahezu perfekt. Das Stadion, seine einmalige Lage und auch das bewusst nostalgisch gehaltene Merchandise treffen genau meinen Geschmack. Ich erwische mich sogar dabei, dass ich den Vibe, den der Verein nach außen vermittelt, durchaus sympathisch finde.
Demgegenüber steht allerdings ein Verein mit indonesischem Investor, einem Kader, in dem in dieser Saison kaum noch italienische Spieler eine Rolle spielten, und Transferausgaben, die fast Premier-League-Niveau erreicht haben. Diese Hintergründe sollte man aus meiner Sicht im Hinterkopf behalten. Sie relativieren das romantische Märchen eines traditionsreichen Zweitligisten vom Comer See, der scheinbar aus dem Nichts in die Serie A aufgestiegen ist und plötzlich um die Champions League mitspielt.
Die positiven Seiten des Vereins kann man aus meiner Sicht dennoch wertschätzen und einen Besuch vor Ort in vollen Zügen genießen. Ob ich dem sportlichen Erfolg des Projekts die Daumen drücke, sei an dieser Stelle aber dahingestellt.
Abschließend bleibt dieser Stadionbesuch für mich jedenfalls uneingeschränkt empfehlenswert. Allein die Lage des Stadio Giuseppe Sinigaglia macht ein Heimspiel des Como 1907 zu einem besonderen Erlebnis und für calcioaffine Fußballfans wohl zu einem der schönsten Stadionbesuche Italiens. Auch wenn mich die Stimmung positiv überrascht hat, denke ich dennoch, dass ein einmaliger Besuch völlig ausreicht.
Ich bin jedenfalls mehr als froh, den Como 1907 noch im alten Stadion direkt am Seeufer erlebt und diese besondere Atmosphäre gespürt zu haben. Sollte tatsächlich das kolportierte Neubauprojekt umgesetzt werden, dürfte genau dieser Charme wohl zumindest ein Stück weit verloren gehen.
Eines der obersten Ziele meiner Bucketlist damit abgehakt, wird es mich künftig aber wohl wieder eher zu anderen Vereinen ziehen. So verlasse ich Como, wie es sich für diesen Ort gehört, reich – nicht an Geld, sondern an schönen Erfahrungen.
Mehr von dieser Reise
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