calcio e caffé I – Matchday im Luigi Ferraris
Der Spieltag rund um das ligurische Derby und dem Abstiegsduell zwischen Sampdoria Genua und La Spezia.
Einleitung
Jänner 2026.
Unione Calcio Samporia Genua – einst ein klingender Name im Weltfußball, findet sich der Klub im Jahr 2026 in der unteren Tabellenhälfte der Serie B wieder. Aus Sicht eines Sympathisanten der Blucerchiati möge man fast sagen, zum Glück! Wäre der Traditionsverein in der Serie B Saison 2024/25 rein sportlich doch bereits in die drittklassige Serie C abgestiegen. Damals belegte man nämlich zum Saisonende mit dem 18. Platz einen direkten Abstiegsplatz. Den Super Gau für die Genuesen verhinderte damals ein anderer Verein, nämlich ein weiterer italienischer Traditionsverein, der wegen finanzieller Ungereimtheiten nach Saisonende noch einen 4 Punkte Abzug erhielt und hinter die Sampdoria rutschte – Brescia Calcio 1911, heute Union Brescia.
So erhielt Sampdoria doch noch eine zweite Chance und durfte nun im Relegationsduell gegen die Salernitana um den Klassenerhalt kämpfen – ein Verein, der letzte Saison gerade erst aus der Serie A abgestiegen war. Auch ich verfolgte die beiden Relegationsspiele live vor dem TV, hoffend, dass ein Traditionsverein mit dieser Strahlkraft wie die Samp doch noch das Ruder rumreißen konnte. Ein damaliger Abstieg in die Serie C wäre gemäß einiger Berichte damals aufgrund großer finanzieller Probleme durchaus existenzbedrohend gewesen und hätten ein mögliches Ende für den Verein bedeuten können. So schwor ich mir, sollten die Blucerchiati die Liga halten und am Leben bleiben, würde ich nächste Saison die Reise aufnehmen und die Atmosphäre rund um den Verein nochmal live vor Ort erleben, man wisse ja nicht, wie lange es die Chance dazu noch geben sollte. Wie es so sein sollte, bezwang Sampdoria die Seepferdchen aus Salerno (überraschend) souverän, durften in der Serie B verbleiben und in der nächsten Saison mit mir als Gast im Luigi Ferraris rechnen.
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Matchday
Endlich war es so weit. In Genua angekommen und den Tag bereits in der Stadt verbracht, stieg die Vorfreude im Laufe des Tages ins Unermessliche. Einen Einblick in meinen Tag in der ligurische Hafenstadt liefere ich im separaten Stadtbericht.
In der Casa Amedeo, meiner Unterkunft für die Nacht in Genua, untergebracht, war ich fußläufig nur 15 Minuten vom heutigen Schauplatz entfernt, dem Stadio Luigi Ferraris, wo heute um 19:30 Uhr das ligurische Derby zwischen Sampdoria und La Spezia über die Bühne gehen sollte. Beide Vereine waren in der Saison 2022/23 noch gemeinsam aus der Serie A abgestiegen, fanden sich nun aber im Abstiegskampf der zweithöchsten Leistungsstufe des italienischen Fußballs wieder. Die tabellarische Ausgangssituation, Spezia Calcio, zu diesem Zeitpunkt auf einem direkten Abstiegsplatz, Sampdoria knapp darüber, sollte die ohnehin schon hitzige Stimmung zwischen den beiden Lokalrivalen sogar noch mehr anheizen. Die Vorzeichen standen also gut für einen emotionalen Fußballabend.
So verließ ich meine Unterkunft gegen 17:45 Uhr, um anderthalb Stunden vor dem Ankick beim Stadion zu sein. Ich plane bei jedem Stadionbesuch genügend Zeit vor dem Spielbeginn ein, um ohne Stress meinen Eingang finden zu können, aber auch um bereits vor Spielbeginn die Atmosphäre vor und im Stadion erleben zu können. So konnte man auch an diesem Tag am Weg ins Stadion bereits eine gewisse Anspannung spüren. Es war bereits genügend Polizei im Einsatz, die versuchte Präsenz zu zeigen. Auf den Straßen sah man kaum mehr Personen, die ohne Sampdoria Trikot oder Schal unterwegs waren. Viele Tifosi fanden in nahegelegenen Cafés zusammen und genossen noch einen Aperitivo, bevor es auch für sie ab ins Stadion ging.
Da mich Google Maps zufälligerweise genau zu meinem Gate brachte, nutzte ich die Chance und betrat als einer der ersten das Stadion. Das gab mir die Gelegenheit fast eine halbe Stunde alleine im noch verlassenen Luigi Ferraris zu verbringen. Beeindruckt von der Architektur des Stadions spazierte ich durch sämtliche, mir zugängliche Innenräume, erkundete alle drei Ränge und machte mir von jedem erdenklichen Blickwinkel einen Eindruck über das Stadion.



Direkt ins Auge fielen die markanten, orange-roten Zäune, die sich durchs Stadion zogen und die im farblichen Kontrast mit den bereits angebrachten, zahlreichen Fahnen und Transparenten ein beeindruckendes Bild abgaben.



Je näher der Anpfiff rückte, desto mehr füllten sich die Ränge, was mich dazu veranlasste, mich schön langsam zu meinem Sitz zu begeben. Ich nahm Platz ca. auf der Höhe der Mittellinie, im 2. Rang. Auch rückblickend die perfekte Mischung von einer perfekten Sicht auf Spielfeld und Fankurven, aber doch noch nahe genug an allem dran, um nichts von der Stimmung zu verpassen. Negativ aufgefallen ist mir die nicht vorhandene Beinfreiheit auf den Sitzplätzen. Diese reichte bei normalem, aufrechten Sitzen nicht mal aus, um für seine abgewinkelten Beine entsprechend Platz zu haben. Glücklicherweise hieß es, ab dem Ertönen der Hymne vor Spielbeginn, sowieso für das gesamte Stadion Aufstehen.
Genau diese Hymne, „Lettera da Amsterdam“ sorgte für mich für den ersten Gänsehautmoment. Aufgrund meiner überschaubaren Italienischkenntnisse, verstand ich leider wenig bis gar nichts, konnte aber an meinen mitsingenden Nachbarn erkennen und mitfühlen, wie hochemotional der Inhalt dieser Hymne und dieser Moment war. Letztlich brüllte das gesamte Stadion, blau-rot-weiß-schwarze Schals hochhaltend, das Lied über die gesamte Dauer mit und ich war schon fast traurig, als die letzte Note der Hymne gespielt war und es zum eigentlichen Highlight des Abends ging.
Ein schweifender Blick durchs Stadion kurz vor dem Anpfiff ließ mich einen kleinen Wermutstropfen erkennen. Leider war der Gästeblock, nahezu komplett leer. Grund dafür war ein für Fans aus der Provinz La Spezia verhängtes Auswärtsverbot, welches aufgrund von früheren Ausschreitungen zwischen den beiden rivalisierenden Fanlagern ausgesprochen wurde.
Dies sollte glücklicherweise der Stimmung keinen Abbruch tun, war das Stadion ja restlos ausverkauft und beide Fankurven, jeweils hinter dem Tor, bis zum Anschlag gefüllt. Dies in einer derart sportlich prekären Situation, in einer von Konflikten mit den Eigentümern geprägten Zeit, einfach unfassbar und unterstreicht die bedingungslose Liebe der Tifosi zum Klub. Proteste sollte es in gewohnter Ultrasmanier dennoch geben, so war zu Beginn des Spiels zwar kein einheitlicher, aber dennoch eine Art Stimmungsboykott, gefolgt von kritischen Spruchbändern zu vermerken.

Hoffend, dass dies nicht das ganze Spiel andauern würde, wurde ich plötzlich, wie schon vor Spielbeginn, von einer lautstarken Tifo, gepaart mit Pyrotechnik und einem schier endlosen Fahnenmeer im Hauptblock aus meinen Gedanken gerissen. Diese Stimmung sollte glücklicherweise großteils das gesamte Spiel anhalten und kurz vor Spielende seinen emotionalen Höhepunkt finden.


Die Atmosphäre begeisterte mich, das Spiel eher weniger. Beide Teams fanden zwar gelegentlich Chancen vor, ein fußballerischer Hochgenuss war es allerdings nicht. Man hatte das Gefühl, dass mitunter die zahlreichen, angeblich hochveranlagten Leihspieler diverser Serie A Klubs, der Sampdoria nicht verstanden hatten, für welchen hochemotionalen Verein sie eigentlich auflaufen dürfen. Gelegentlich ließen sie ihr Talent aufblitzen, alles in allem wurde dieser lustlose Auftritt aber dem Verein und vor allem seinen großartigen Fans nicht mal ansatzweise gerecht.
Nach 85 Minuten, einer eher weniger mitreißenden Begegnung, sollte eine Auseinandersetzung zwischen Matteo Palma (IV der Samp) und Vanja Vlahovic (Stürmer von Spezia), die hochemotionale Schlussphase einleiten. Der Schiedsrichter verwies beide Spieler mit Rot des Platzes, nachdem diese sich auf der Seitenauslinie einer Rangelei hingaben. Ein Zeichen, dass wohl doch etwas Emotion auf dem Feld gelegen war und es vielleicht doch noch einen Lucky Punch geben könnte, auch wenn man nach dem bisherigen Verlauf des Spiels nicht wirklich damit rechnen konnte.
Matteo Ricci sollte mich eines Besseren belehren, als der zentrale Mittelfeldspieler sich nach einem nur mäßig verteidigten Eckball, auf Höhe des Sechzehners ein Herz nahm und mit seinem Halbvolley das gesamte Stadion in Extase versetzte. Ein weiteres Highlight für mich, da ich, während ich selbst mit Jubeln beschäftigt war, beobachten konnte, wie das gesamte Stadion explodierte – bedeutete ein Sieg nicht nur den ohnehin wichtigen Derbysieg, sondern vielmehr den Last-Minute Sieg gegen einen direkten Konkurrenten im Abstiegskampf.
Für mich der perfekte Schlusspunkt eines, mit wenigen sportlichen Highlights gesegneten aber dennoch hochemotionalen und somit fast perfekten Abend. Nach Abpfiff des Spiels, beobachtete ich noch die Mannschaft beim Feiern und blieb noch etwas sitzen, um die letzten gut 90 Minuten nochmal revuepassieren zu lassen und die Atmosphäre dieses Stadions noch ein letztes Mal aufzusaugen.
Irgendwann hieß es dann aber auch für Abschied nehmen und den Rückweg zu meiner Unterkunft anzutreten. Auf dem Weg zurück, an Fanmassen und unglaublich vielen Vespas vorbei, hatte ich das Glück, noch einen Platz im direkt am Weg liegenden Restaurant „Napizza & Cucina“ zu ergattern. Hier ließ sich dieser wunderschöne Abend in einer würdigen Art und Weise, mit einer neapolitanischen Pizza und einem Glas Rotwein ausklingen.

Ticketing
Das wohl für viele Groundhopper spannendste Thema, verursacht es doch (zumindest mir) bei so manchen Verein einiges an Kopfschmerzen, an Karten zu kommen. Bei der Sampdoria ist genau das Gegenteil der Fall.
Ab ungefähr einer Woche vor dem Spieltag, können Tickets bequem online über den Sampdoria Ticket Shop, welcher über Ticketone abgewickelt wird, bezogen werden [über Ticketone.it kaufen].
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Es ist dabei nicht notwendig, eine Treuekarte, wie hier die DoriaCard, zu besitzen, man kann also ohne zusätzlicher Erfordernisse, Tickets aus dem Ausland als print@home bestellen. Der Ticketkauf ist auch nicht nur Fans aus der heimischen Provinz vorbehalten, so wie ich es in Parma erleben durfte. Wie der Ticketerwerb dort ablief und auch alles rund um den Serie A Spieltag und der Stadt Parma findet sich in einem eigenem Beitrag wieder.
Auch preislich sind die Tickets bei der Sampdoria durchaus attraktiv, aber natürlich auch dem Niveau der Serie B angemessen. So kostete mich mein Ticket, mit optimaler Sicht, im zweiten Rang auf Höhe der Mittellinie rund 35€. Ich habe mich dazu entschieden, mich im Vorfeld auf der Website zu informieren, wann der Vorverkauf startet, um genau zum Verkaufsstart online zu sein, da ich den Andrang nicht abschätzen konnte. Dieser war letztlich deutlich entspannter als gedacht und ich konnte mir ohne großen Stress meinen gewünschten Platz aussuchen.
Vor Ort hat letztendlich alles reibungslos mit dem Ticket funktioniert, so wie es auch zu erwarten war.
Fazit
Wieder zurück in meiner Unterkunft, fiel es mir schwer Ruhe und Schlaf zu finden, da ich emotional noch so geladen und dementsprechend unruhig war. Ich denke, ehrlicher als dieses Empfinden könnte man diesen Abend auch gar nicht beschreiben. Hochemotional, mitreißend, ein Abend der schöner nicht hätte sein können.
Der Besuch im Luigi Ferraris und bei der UC Sampdoria lieferte genau das, warum ich italienischen Fußball so liebe. Pure Passion auf den Rängen, Tifosi die den Verein atmen. Ein Verein, der der Inbegriff eines Traditionsvereines ist. Der trotz seiner sportlich prekären Lage trotzdem sein ganzes Potenzial abseits des Platzes erkennen lässt, mit einem Umfeld, das so viel mehr als den Abstiegskampf in der Serie B verdient hätte. Ein Stadion, dem man sowohl von Innen als auch von Außen ansieht, welch große Historie in ihm steckt und dabei eine einzigartige Atmosphäre schafft. Also ein Gesamtpaket, welches genau meinem Geschmack entspricht und ich bislang kaum so erlebt hatte.
Mir war beim Verlassen des Stadions bereits klar, dass ich ins Luigi Ferraris zurückkehren möchte. Mit Sicherheit wieder zu einem Spiel der Sampdoria, vielleicht aber auch zu einem des Stadtrivalen CFC Genoa. Und wer weiß – vielleicht führen etwas glücklichere Entscheidungen der Klubführung Sampdorias den Verein schon bald wieder zurück in die Serie A und machen ein Derby della Lanterna möglich. Nach diesem Abend kann ich mir kaum vorstellen, wie emotional ein solches Stadtderby wohl sein muss. Sollte dieser Tag kommen, wäre meine Rückkehr nach Genua wohl nur eine Frage der Zeit.
Mehr von dieser Reise
- calcio e caffè I – Ein Wochenende zwischen dem Luigi Ferraris und Ennio Tardini
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